*(1999) Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit Themen zu strukturellem und gesellschaftlichem Wandel. Dabei versuche ich, den Betrachtenden einen Einblick in verschiedene Realitäten zu ermöglichen, um abstrakte Themen zurück auf eine persönliche, greifbarere Ebene zu bringen.

2025
Documentary
2024-2026
Ukraine












Mikita, Teil jener Generation junger Menschen, welche von heute auf morgen in eine neue Realität gezwungen wurden. Als ein durch und durch interessierter, sensibler junger Mann, der seine Zwanziger damit verbrachte, Orte der Welt zu erkunden, andere Kulturen kennenzulernen und diese zu schätzen lernen, war für ihn die Vorstellung, plötzlich Teil eines Krieges zu sein, 2022 mindestens genau so fern wie für uns alle hier.
Als wir uns kennenlernten, stellten wir schnell fest, dass da viele Gemeinsamkeiten sind. Wir redeten viel; übers Reisen, über Einstellungen, über Werte und ähnliche Erfahrungen, die wir gemacht hatten. Eigentlich redeten wir über alles – alles, ausser den Krieg.
Irgendwann begann er selbst damit, die eine oder andere Anekdote von seiner Zeit an der Front zu erzählen. Viele brachten uns zum Lachen, «but how should we have survived if we weren’t just laughing away the horror?», würde er jetzt sagen. Da waren aber auch die anderen Geschichten, jene, welche anstelle des Lachens eine leise Stimme hervorriefen, jene, welche Blickkontakt unmöglich machten, begleitet von intensiviertem Blinzeln, schnellerem Atmen und zitternden Händen. Jene, die ihn sagen liessen: «I hate it when my own words make me nervous».
2023 im Januar, bei meiner ersten Visite, war die Stimmung im Land noch eine andere, hoffnungsvoll und mit dem Glauben, den Krieg bald erfolgreich hinter sich lassen zu können. Die Gesellschaft rückte zusammen, soziokulturelle Strukturen schienen weniger relevant oder zumindest weniger spürbar. Diese irgendwie lebensbejahende und gemeinschaftliche Atmosphäre findet man heute immer seltener – inzwischen hat die Vollinvasion jedes Wohnzimmer und jede Ecke des Lebens erreicht.
Es sind keine Einzelschicksale, sondern ein Muster, welches sich durchzieht. Alexandra, Sergey, Tanja, Anton, Nastya – bei allen dasselbe. Eine Art Fassade, die einen nur erahnen lässt, was sich dahinter verbirgt, aber immer fragiler wird. Schnell merkt man, dass sich die Spuren des Krieges bereits so tief in die Menschen eingebrannt haben, dass es Generationen dauern wird, bis diese wieder überwunden sind. Genau diese Schicksale müssen erzählt werden, damit wir verstehen, dass Krieg nichts Abstraktes, sondern etwas sehr Persönliches ist – denn sein Zuhause zu verlieren, dem Bruder beim Sterben zuzuschauen oder die Zukunft nicht planen zu können, hängt massgebend mit dem eigenen Schicksal zusammen. Wir müssen anfangen zu verstehen, dass hinter jedem toten Menschen ein Mensch mit Träumen, Wünschen und einer Familie, in welcher immer jemand fehlen wird, steckt.
In den letzten Jahren geschah genau das Gegenteil – auch wir stumpfen ab. Dies nimmt uns niemand übel. Wichtig ist nur, dass wir uns tagtäglich der Tatsache bewusst sind, dass wir uns dies erlauben können und nicht wir die Gefangenen dieser traurigen Realität sind.
Editorial
2026
Kherson Region, Ukraine















Es ist Frühling 2022, und wir gehen einkaufen - plötzlich ist kein Rapsöl mehr da, der Preis für Mehl ist gestiegen, und wir fragen uns, wie das kommt. Es ist der Moment, in dem viele den Begriff „Kornkammer Europas" zum ersten Mal hören oder ihnen bewusst wird, dass damit die Ukraine gemeint ist. Als die Vollinvasion begann, die russischen Truppen Cherson einnahmen und Richtung Mykolajiw marschierten, wurden weitere Felder zu Schlachtfeldern.
Yakiv ist von diesem Drama doppelt betroffen: Er studierte Agronomie in Mykolajiw, arbeitet als Assistent an der Universität und ist dabei zu promovieren. Aufgewachsen ist er im Umland von Cherson, wo seine Familie einen kleinen Bauernhof hatte. Er war Teil einer jungen Landwirtsgeneration, die mit modernen Methoden und Technologien die Landwirtschaft der Region neu gestalten wollte, denn es gab Entwicklung, Investitionen, Perspektive. Er erlebte am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn einem die Lebensgrundlage genommen wird, und sieht gleichzeitig die Fatalität des Konflikts für die Bauern der Region im grösseren Ganzen.
Flucht, Rückkehr, Trümmer beseitigen, die Felder entminen und den eigenen Betrieb wieder zum Laufen bringen, wobei Flucht für viele schlichtweg keine Option ist, denn 80 Kühe anderswo unterzubringen ist nicht ganz so einfach. Und damit stehen viele Bauern entlang der über 1.000 km langen Frontlinie nicht allein da. Die Gesellschaft rückte zusammen, und vieles wurde erreicht - in Eigenleistung und mit Unterstützung von aussen. Trotzdem befinden sich die meisten Betriebe in einer kritischen Situation, denn die Unsicherheit und die stetige Bedrohung sind noch immer real.
Nach wie vor werden beschädigte Maschinen in Eigenregie repariert und die letzten Blindgänger aus der Erde gezogen, um wieder arbeiten zu können wie vor 2022. Doch eigentlich wissen alle, dass dieser Zustand nicht mehr eintreten wird. Es mangelt an allen Ecken und Enden: Die Söhne sind an der Front, die Bedrohung durch Drohnen lähmt den Alltag, und der wirtschaftliche Druck bleibt bestehen. Modernisierung scheint der einzige Ausweg, bringt aber auch eigene Unsicherheiten mit sich. Kurz- wie langfristig wird sich alles verändern. Welche Konsequenzen das nach sich ziehen wird und wo dabei die Menschen vor Ort stehen, darauf gibt es viele Antworten - und doch keine. Denn unter diesen Umständen ist langfristiges Denken kaum möglich.
Editorial
2026
Central Ukraine







Seit einiger Zeit wird in der Ukraine das Wort «Mensch» in gewissen Kontexten einer Ressource gleichgestellt. Dass es während eines Ressourcenengpasses zu Spannungen kommt, ist kein neues Phänomen. Es geschieht mit Öl, Getreide oder seltenen Erden. Nun aber auch mit Menschen. Vor allem mit Männern, welche von der Wehrpflicht betroffen sind. Männern wie Anton (Name geändert). Antons Geschichte ähnelt jener von vielen jungen Ukrainern, und doch sticht sie nochmals besonders heraus. Mit seinen 26 Jahren und auf dem besten Weg, internationales Model zu werden, stand er ebenfalls vor der wohl schwierigsten Entscheidung seines jungen Lebens.
Seine innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, dem eigenen Land zu dienen sowie dessen freiheitliche Werte und die Menschen zu beschützen, steht der Realität gegenüber, dass viele nicht von der Front zurückkehren und er andere Träume hatte für seine zwanziger. Dennoch meldete er sich freiwillig und folgte dem Aufruf. Jedoch beginnt eigentlich erst dann das wirkliche Drama: In welche Funktion wird man nach den sieben Wochen Grundausbildung gesteckt? Sitzt man im warmen Hauptquartier oder kriegt man ein «Einweg-Ticket nach Pokrowsk»? Anton war an genau diesem Punkt. Er entschied sich gegen das Einweg-Ticket und für die Desertation aus der Armee und versteckt sich nun seit einigen Monaten vor dem TCR (Territorial Center of Recruitment), der Truppe, welche allfällige Verweigerer oder Deserteure auf der Straße einsackt. Sein Leben hat sich maßgebend verändert, und wann es wieder zu einer Entspannung kommt sowie welche Konsequenzen es noch mit sich bringen kann, weiß er nicht. Erneut das Leben riskieren durch eine weitere Flucht aus dem Land oder hoffen, dass sich etwas verändert.
Es ist und bleibt ein Schwebezustand, und das Einzige, was er tun kann, ist warten, warten und hoffen. Diesen unklaren Moment, in dem sich so viele Ukrainer befinden, festzuhalten, genau zuzuhören und hinzuschauen, empfinde ich als besonders spannend. Wie fühlt es sich an, eingesperrt zu sein? Seine Träume verfliegen zu sehen und jeden Tag in der Angst zu leben, dass das TCR doch an der Haustür klingelt? Anton war bereit, sich fotografieren zu lassen und sich diesen Fragen zu stellen.
*(1999) Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit Themen zu strukturellem und gesellschaftlichem Wandel. Dabei versuche ich, den Betrachtenden einen Einblick in verschiedene Realitäten zu ermöglichen, um abstrakte Themen zurück auf eine persönliche, greifbarere Ebene zu bringen.

2025
Documentary
2024-2026
Ukraine












Mikita, Teil jener Generation junger Menschen, welche von heute auf morgen in eine neue Realität gezwungen wurden. Als ein durch und durch interessierter, sensibler junger Mann, der seine Zwanziger damit verbrachte, Orte der Welt zu erkunden, andere Kulturen kennenzulernen und diese zu schätzen lernen, war für ihn die Vorstellung, plötzlich Teil eines Krieges zu sein, 2022 mindestens genau so fern wie für uns alle hier.
Als wir uns kennenlernten, stellten wir schnell fest, dass da viele Gemeinsamkeiten sind. Wir redeten viel; übers Reisen, über Einstellungen, über Werte und ähnliche Erfahrungen, die wir gemacht hatten. Eigentlich redeten wir über alles – alles, ausser den Krieg.
Irgendwann begann er selbst damit, die eine oder andere Anekdote von seiner Zeit an der Front zu erzählen. Viele brachten uns zum Lachen, «but how should we have survived if we weren’t just laughing away the horror?», würde er jetzt sagen. Da waren aber auch die anderen Geschichten, jene, welche anstelle des Lachens eine leise Stimme hervorriefen, jene, welche Blickkontakt unmöglich machten, begleitet von intensiviertem Blinzeln, schnellerem Atmen und zitternden Händen. Jene, die ihn sagen liessen: «I hate it when my own words make me nervous».
2023 im Januar, bei meiner ersten Visite, war die Stimmung im Land noch eine andere, hoffnungsvoll und mit dem Glauben, den Krieg bald erfolgreich hinter sich lassen zu können. Die Gesellschaft rückte zusammen, soziokulturelle Strukturen schienen weniger relevant oder zumindest weniger spürbar. Diese irgendwie lebensbejahende und gemeinschaftliche Atmosphäre findet man heute immer seltener – inzwischen hat die Vollinvasion jedes Wohnzimmer und jede Ecke des Lebens erreicht.
Es sind keine Einzelschicksale, sondern ein Muster, welches sich durchzieht. Alexandra, Sergey, Tanja, Anton, Nastya – bei allen dasselbe. Eine Art Fassade, die einen nur erahnen lässt, was sich dahinter verbirgt, aber immer fragiler wird. Schnell merkt man, dass sich die Spuren des Krieges bereits so tief in die Menschen eingebrannt haben, dass es Generationen dauern wird, bis diese wieder überwunden sind. Genau diese Schicksale müssen erzählt werden, damit wir verstehen, dass Krieg nichts Abstraktes, sondern etwas sehr Persönliches ist – denn sein Zuhause zu verlieren, dem Bruder beim Sterben zuzuschauen oder die Zukunft nicht planen zu können, hängt massgebend mit dem eigenen Schicksal zusammen. Wir müssen anfangen zu verstehen, dass hinter jedem toten Menschen ein Mensch mit Träumen, Wünschen und einer Familie, in welcher immer jemand fehlen wird, steckt.
In den letzten Jahren geschah genau das Gegenteil – auch wir stumpfen ab. Dies nimmt uns niemand übel. Wichtig ist nur, dass wir uns tagtäglich der Tatsache bewusst sind, dass wir uns dies erlauben können und nicht wir die Gefangenen dieser traurigen Realität sind.
Editorial
2026
Kherson Region, Ukraine















Es ist Frühling 2022, und wir gehen einkaufen - plötzlich ist kein Rapsöl mehr da, der Preis für Mehl ist gestiegen, und wir fragen uns, wie das kommt. Es ist der Moment, in dem viele den Begriff „Kornkammer Europas" zum ersten Mal hören oder ihnen bewusst wird, dass damit die Ukraine gemeint ist. Als die Vollinvasion begann, die russischen Truppen Cherson einnahmen und Richtung Mykolajiw marschierten, wurden weitere Felder zu Schlachtfeldern.
Yakiv ist von diesem Drama doppelt betroffen: Er studierte Agronomie in Mykolajiw, arbeitet als Assistent an der Universität und ist dabei zu promovieren. Aufgewachsen ist er im Umland von Cherson, wo seine Familie einen kleinen Bauernhof hatte. Er war Teil einer jungen Landwirtsgeneration, die mit modernen Methoden und Technologien die Landwirtschaft der Region neu gestalten wollte, denn es gab Entwicklung, Investitionen, Perspektive. Er erlebte am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn einem die Lebensgrundlage genommen wird, und sieht gleichzeitig die Fatalität des Konflikts für die Bauern der Region im grösseren Ganzen.
Flucht, Rückkehr, Trümmer beseitigen, die Felder entminen und den eigenen Betrieb wieder zum Laufen bringen, wobei Flucht für viele schlichtweg keine Option ist, denn 80 Kühe anderswo unterzubringen ist nicht ganz so einfach. Und damit stehen viele Bauern entlang der über 1.000 km langen Frontlinie nicht allein da. Die Gesellschaft rückte zusammen, und vieles wurde erreicht - in Eigenleistung und mit Unterstützung von aussen. Trotzdem befinden sich die meisten Betriebe in einer kritischen Situation, denn die Unsicherheit und die stetige Bedrohung sind noch immer real.
Nach wie vor werden beschädigte Maschinen in Eigenregie repariert und die letzten Blindgänger aus der Erde gezogen, um wieder arbeiten zu können wie vor 2022. Doch eigentlich wissen alle, dass dieser Zustand nicht mehr eintreten wird. Es mangelt an allen Ecken und Enden: Die Söhne sind an der Front, die Bedrohung durch Drohnen lähmt den Alltag, und der wirtschaftliche Druck bleibt bestehen. Modernisierung scheint der einzige Ausweg, bringt aber auch eigene Unsicherheiten mit sich. Kurz- wie langfristig wird sich alles verändern. Welche Konsequenzen das nach sich ziehen wird und wo dabei die Menschen vor Ort stehen, darauf gibt es viele Antworten - und doch keine. Denn unter diesen Umständen ist langfristiges Denken kaum möglich.
Editorial
2026
Central Ukraine







Seit einiger Zeit wird in der Ukraine das Wort «Mensch» in gewissen Kontexten einer Ressource gleichgestellt. Dass es während eines Ressourcenengpasses zu Spannungen kommt, ist kein neues Phänomen. Es geschieht mit Öl, Getreide oder seltenen Erden. Nun aber auch mit Menschen. Vor allem mit Männern, welche von der Wehrpflicht betroffen sind. Männern wie Anton (Name geändert). Antons Geschichte ähnelt jener von vielen jungen Ukrainern, und doch sticht sie nochmals besonders heraus. Mit seinen 26 Jahren und auf dem besten Weg, internationales Model zu werden, stand er ebenfalls vor der wohl schwierigsten Entscheidung seines jungen Lebens.
Seine innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, dem eigenen Land zu dienen sowie dessen freiheitliche Werte und die Menschen zu beschützen, steht der Realität gegenüber, dass viele nicht von der Front zurückkehren und er andere Träume hatte für seine zwanziger. Dennoch meldete er sich freiwillig und folgte dem Aufruf. Jedoch beginnt eigentlich erst dann das wirkliche Drama: In welche Funktion wird man nach den sieben Wochen Grundausbildung gesteckt? Sitzt man im warmen Hauptquartier oder kriegt man ein «Einweg-Ticket nach Pokrowsk»? Anton war an genau diesem Punkt. Er entschied sich gegen das Einweg-Ticket und für die Desertation aus der Armee und versteckt sich nun seit einigen Monaten vor dem TCR (Territorial Center of Recruitment), der Truppe, welche allfällige Verweigerer oder Deserteure auf der Straße einsackt. Sein Leben hat sich maßgebend verändert, und wann es wieder zu einer Entspannung kommt sowie welche Konsequenzen es noch mit sich bringen kann, weiß er nicht. Erneut das Leben riskieren durch eine weitere Flucht aus dem Land oder hoffen, dass sich etwas verändert.
Es ist und bleibt ein Schwebezustand, und das Einzige, was er tun kann, ist warten, warten und hoffen. Diesen unklaren Moment, in dem sich so viele Ukrainer befinden, festzuhalten, genau zuzuhören und hinzuschauen, empfinde ich als besonders spannend. Wie fühlt es sich an, eingesperrt zu sein? Seine Träume verfliegen zu sehen und jeden Tag in der Angst zu leben, dass das TCR doch an der Haustür klingelt? Anton war bereit, sich fotografieren zu lassen und sich diesen Fragen zu stellen.